{"id":222,"date":"2005-11-09T12:38:51","date_gmt":"2005-11-09T11:38:51","guid":{"rendered":"https:\/\/sonja-fercher.at\/?p=222"},"modified":"2021-03-05T15:03:12","modified_gmt":"2021-03-05T14:03:12","slug":"sie-zunden-an-was-sie-bei-der-hand-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sonja-fercher.at\/en\/sie-zunden-an-was-sie-bei-der-hand-haben\/","title":{"rendered":"&#8220;Sie z\u00fcnden an, was sie bei der Hand haben&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Trotz aller Bem\u00fchungen der Politik hat sich die Lage der Bev\u00f6lkerung in den<br \/>\nProblemvierteln der franz\u00f6sischen Gro\u00dfst\u00e4dte verschlechtert. Daf\u00fcr<br \/>\nverantwortlich sei die Weigerung der franz\u00f6ischen Gesellschaft, Unterschiede und<br \/>\ndamit auch Diskriminierungen anzuerkennen, meint der Soziologe Hugues<br \/>\nLagrange im derStandard.at-Interview. <\/p>\n<p><b><center>* * * <\/center><\/b><\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b>Brennende Autos sind kein ganz neues Bild in Frankreich. Wie l\u00e4sst sich das erkl\u00e4ren? <\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b> Diese &#8220;Mini-Aufruhre&#8221;, wie ich sie nenne, sind eine franz\u00f6sische Spezialit\u00e4t. W\u00e4hrend es in Gro\u00dfbritannien aber Auseinandersetzungen zwischen zwei ethnischen Gruppen sind &#8211; wenn ich etwa an Birmingham denke -, ist in Frankreich der Staat Ziel der Angriffe sowie alles, was den Staat repr\u00e4sentiert wie etwa Post, Feuerwehr oder sogar Schulen. <\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b>Innenminister Sarkozy, aber auch die Beh\u00f6rden sprechen inzwischen davon, dass dies keine spontanen Gewaltausbr\u00fcche seien. Wie sehen Sie das? <\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b>Die Jugendlichen, die hier an den Ausschreitungen beteiligt sind, sind zumeist sehr jung, also 14 oder 15 Jahre alt. Dass es hier Verbindungen zur El Kaida geben soll, ist ein Phantasma. Es besteht allerdings kein Zweifel daran, dass es sich um einen kulturellen Konflikt mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund handelt, vor allem aus dem Maghreb.<\/p>\n<p>Was \u00fcberraschend ist, ist dass eine Reihe von gro\u00dfen, &#8220;klassischen&#8221; Vierteln zu Beginn nicht betroffen waren, ich denke da vor allem an dem Osten von Lyon, Marseille oder auch an Vierteln der Pariser Region, in denen es in der Vergangenheit viele Zusammenst\u00f6\u00dfe zwischen rivalisierenden Jugendbanden gab, wie zum Beispiel das D\u00e9partement \u00c9ssonne und das Val de Marne. Nat\u00fcrlich gibt es inzwischen auch dort Aufruhr, aber in den ersten acht Tagen war das nicht der Fall. <\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Rolle d\u00fcrfte der Ausl\u00f6ser gespielt haben, n\u00e4mlich der Tod der beiden Jugendlichen im Transformatorhaus, und die Emotionalisierung rund um die Tr\u00e4nengasgranaten in der Moschee. Dazu kamen die Aussagen des Innenministers. Deshalb hat sich in Seine St. Denis im Nordosten von Paris sehr viel an Wut entladen und erst jetzt &#8211; in einem Prozess der Imitation &#8211; z\u00fcnden die Jugendlichen auch aus jenen Gegenden Autos an, die eine Reputation als &#8220;hei\u00dfe&#8221; Viertel haben. <\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b>Warum attackieren die Jugendlichen eigentlich ihre eigene Umgebung, wodurch sich die Lebensbedingungen in diesen Vierteln noch weiter verschlechtern werden?<\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b>Die Randalierer sind sehr jung und nicht organisiert, weshalb sie auch nicht in der Lage sind, die Bewegung zu politisieren. Wenn sie dann versuchen ihren Protest zu \u00e4u\u00dfern, agieren sie leider sehr an der Grenze zur puren Kriminalit\u00e4t. Es ist aber klar, dass sie gegen\u00fcber der Polizei nicht so &#8220;effizient&#8221; w\u00e4ren &#8211; zumal sie ja in kleinen Gruppen agieren &#8211; wenn sie au\u00dferhalb ihrer Viertel agieren w\u00fcrden, die sie wie ihre Westentasche kennen. <\/p>\n<p>Im Grunde l\u00e4sst sich das alles sehr einfach erkl\u00e4ren: Sie z\u00fcnden Dinge an, weil dies die einzige M\u00f6glichkeit f\u00fcr sie ist, Aufmerksamkeit zu erregen, und sie verbrennen eben, was sie &#8220;bei der Hand&#8221; haben. Leider, denn das sind dann wiederum oft die Autos von Menschen, die selbst arm sind. <\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b> Auf der einen Seite wird die mangelnde Polizeipr\u00e4senz in den sensiblen Vierteln kritisiert, umgekehrt prangern gerade Jugendliche aus diesen Vierteln die starke Polizeipr\u00e4senz an. Woher kommt dieser Widerspruch? <\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b>Die Polizei ist im Alltag zu wenig pr\u00e4sent, und wenn sie da ist, so ist ihre Arbeit zu stark auf Konfrontation ausgerichtet, sprich im Sinne der Verbrechensbek\u00e4mpfung. Die Polizei kann aber nur dann gute Arbeit leisten, wenn sie vor Ort verankert ist. Genau an diesen lokalen Schnittstellen mangelt es allerdings, in den vergangenen f\u00fcnf Jahren wurden die finanziellen Mittel f\u00fcr Sozialarbeiter sowie lokale Organisationen stark gek\u00fcrzt und sie haben enorme Schwierigkeiten, ihre Arbeit zu machen. Durch die Abschaffung der &#8220;police de proximit\u00e9&#8221;, der &#8220;Nachbarschaftspolizei&#8221;, hat sich der Aspekt der Konfrontation noch verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>F\u00fcr kriminelle Akte gibt es \u00fcberhaupt keine Entschuldigung, dar\u00fcber m\u00f6chte ich gar keinen Zweifel aufkommen lassen. Aber man kann auf eine Entwicklung, die ein solches Ausma\u00df angenommen hat, nicht mit Gewalt antworten. <\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b>Wie denken Sie, dass es nun weitergehen wird? <\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b> Es ist schwierig, hier Vorhersagen zu machen, aber ich halte es f\u00fcr plausibel, dass diese Ausschreitungen noch w\u00e4hrend dieser Woche weitergehen. Allerdings denke ich nicht, dass sie noch sehr viel l\u00e4nger dauern werden, weil hinter diesen Aufst\u00e4nden keine politische Organisation steckt. Was vor allem jene bef\u00fcrchten, die in den Vierteln arbeiten, ist eine noch weitere Versch\u00e4rfung der sozialen Spaltung in den Vierteln. <\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b>Seit \u00fcber 20 Jahren nehmen sich die Regierungen, ob konservativ oder sozialistisch, des Themas der so genannten Banlieues der Gro\u00dfst\u00e4dte an. Was waren die wichtigsten Ma\u00dfnahmen?<\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b>Zu Beginn der 80er Jahre hat man die Probleme in den Banlieues erkannt. Unter der Regierung von Pierre Mauroy (1981 bis 1984, Anm.) wurden drei Berichte verfasst, die sich mit den Theman Stadt, Sicherheit und Kriminalit\u00e4t sowie Bildung besch\u00e4ftigten. Daraus zog man den Schluss, dass es einer speziellen Politik bedarf, die sich Politik der Stadt nannte und im Grunde aus einer positive Diskriminierung bestand &#8211; damals verwendete man diesen Begriff zwar noch nicht, weil er noch nicht Teil des Vokabulars war, aber im Grunde war es das. <\/p>\n<p>Daraus hervor gingen die &#8220;Zones d\u00b4\u00c9ducation Prioritaires&#8221; (ZEP), die 1982 eingerichtet wurden. Das sind Zonen, in denen es mehr Lehrer gibt, weniger Sch\u00fcler in den Klassen, nicht unbedingt mehr finanziele Mittel, aber die vor allem eine Verbesserung der Situation in den Klassen zum Ziel hatten. Nach und nach wurden &#8220;Conseils Communaux de pr\u00e9vention de la d\u00e9linquence&#8221;, (Kommunale Zentren f\u00fcr Verbrechenspr\u00e4vention), eingerichtet, in denen um den B\u00fcrgermeister herum Polizisten, Beamte, aber auch lokale Akteure wie Vermieter, Familienorganisationen, also aus der Zivilgesellschaft versammelt wurden. Damit<br \/>\nwollte man Konfrontationen zwischen den Jugendlichen und der Polizei verhindern. <\/p>\n<p>In den 90er Jahre dann wurde eine &#8220;Politik der Stadt&#8221; im eigentlichen Sinn umgesetzt, mit &#8220;Zones urbaines sensibles&#8221;, &#8220;Zones franches urbaines&#8221; (Zonen mit Steuerfreiheit, Anm.), &#8220;Zones de R\u00e9ynamisation urbaine&#8221; usw. Ziel war es zu verhindern, dass die sozialen Einrichtungen aus diesen Vierteln v\u00f6llig verschwinden. Man begann Geb\u00e4ude zu renovieren, setzte auf Sozialarbeit sowie machte eine Politik des sozialen Wohnbaus. <\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b>Dennoch hat sich die Situation offenbar nur wenig verbessert, hat die Politik versagt? <\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b>Was man nach 20 bis 25 Jahren r\u00fcckblickend sagen kann ist, dass die soziale Segregation in diesen Vierteln nicht abgenommen, sondern sich sogar noch versch\u00e4rft hat. W\u00e4hrend der Jospin-Regierung 1997-2002 hat sich die<br \/>\nArbeitsmarktsituation zwar allgemein verbessert, die Arbeitslosenquote der schlechter qualifizierten Arbeitskr\u00e4fte hingegen blieb auf dem gleichen Niveau wie vorher. Seit 2002 ist die Kluft vor allem in den betroffenen D\u00e9partements in der Region Paris gr\u00f6\u00dfer geworden. <\/p>\n<p>In letzter Zeit gibt es zudem eine neue Entwicklung, n\u00e4mlich dass eine Gentrifikation der &#8220;Premi\u00e8re Couronne&#8221; von Paris (jene D\u00e9partements, die direkt an Paris grenzen, Anm.) betrieben wird, dass also versucht wird, die Armen so weit wie m\u00f6glich an den Stadtrand zu dr\u00e4ngen. Das wiederum hat zur Folge, dass die Menschen keine Beziehung zu ihren Vierteln entwickeln, weil sie wissen, dass sie weg m\u00fcssen, sobald ihr Mietvertrag abl\u00e4uft.<\/p>\n<p><b>derStandard.at: <\/b>Ist es nicht eigentlich paradox, dass beispielsweise jene Jugendlichen, die in den ZEPs zur Schule gingen, die eingerichtet wurden, um sie zu unterst\u00fctzen, nach wie vor schlechte Chancen haben, Arbeit zu finden? <\/p>\n<p><b>Lagrange: <\/b>Ja, nat\u00fcrlich. Auf eine bestimmte Art ist die franz\u00f6sische Gesellschaft Opfer ihrer eigenen Weigerung, die kulturellen Unterschiede anzuerkennen. Wenn man nicht zugibt, dass es Unterschiede gibt, ignoriert man<br \/>\naber auch, dass es in der Praxis Diskriminierungen gibt. (derStandard.at\/8.11.2005)<\/p>\n<p><b>Link:<\/b> <a href=\"http:\/\/osc.sciences-po.fr\/equipe\/ctit_lagrange.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Observatoire Sociologique du Changement <\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz aller Bem\u00fchungen der Politik hat sich die Lage der Bev\u00f6lkerung in den Problemvierteln der franz\u00f6sischen Gro\u00dfst\u00e4dte verschlechtert. 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